Matthias Erzberger
Wegbereiter für Demokratie, Gerechtigkeit und Frieden
Matthias Erzberger kam am 20.09.1875 in Buttenhausen bei Münsingen zur Welt. 1903 wurde er für die Zentrumspartei aus dem Wahlkreis Biberach-Leutkirch-Waldsee-Wangen in den Deutschen Reichstag gewählt, dem er bis zum Tod 1921 angehörte. Schon in den ersten Jahren als jüngster Reichstagsabgeordneter prangerte Erzberger Missstände deutscher Kolonialpolitik an und war bald einer der einflussreichsten Parlamentarier.
Er leistete Wegweisendes zur Demokratisierung Deutschlands. Im Ersten Weltkrieg wandelte er sich vom Befürworter rücksichtsloser Kriegsführung und von Eroberungen zum Verständigungspolitiker. 1917 veranlasste er die Friedensresolution des Deutschen Reichstages.
Als Staatssekretär der noch kaiserlichen Übergangsregierung und Leiter der deutschen Delegation trug Erzberger am 11.11.1918 mit seiner Unterschrift unter den Waffenstillstandsvertrag von Compiègne persönlich zum Ende des Ersten Weltkrieges bei. Er verhinderte durch mehrmalige Verlängerungen der Waffenruhe und seinen Einsatz für die Annahme des Versailler Friedensvertrages als „kleineres Übel“ eine Wiederaufnahme der Kampfhandlungen sowie die damit drohende Zerstörung des Vaterlandes.
Als Reichsfinanzminister – zugleich Vizekanzler – legte Erzberger (1919/20) die Fundamente für ein einheitliches wie gerechteres, in Grundzügen weiter bestehendes Finanz- und Steuersystem in Deutschland und sorgte für die Neuordnung des Eisenbahnnetzes. Matthias Erzberger wurde am 26.08.1921 von nationalistischen Attentätern ermordet – somit ein Opfer der „Dolchstoßlegende“.
An seiner Beerdigung in Biberach nahmen mehr als 30.000 Menschen teil.
Biberachs Erinnerungsstätten für Matthias Erzberger
Stadtbierhalle auf dem Gigelberg
Wahlveranstaltung zu Erzbergers erster Kandidatur für den Reichstag 1903
In der Stadtbierhalle auf dem Gigelberg (neben der später errichteten, größeren Gigelberghalle) trat der damals noch nicht ganz 28-jährige Matthias Erzberger für die katholische Zentrumspartei erstmals als Kandidat zu den für 16. Juni 1903 angesetzten Reichstagswahlen am Pfingstsonntag, 14. Juni, öffentlich in Biberach auf.
Obwohl dabei auch sein sozialdemokratischer Konkurrent - ein Maler Göhring aus Ulm - sprach, beherrschte der Lokalzeitung „Anzeiger vom Oberland“ zufolge, die am 15. Juni darüber berichtete, eindeutig Erzberger die Szene. Er habe in der Versammlung, an der nach diesem Bericht rund tausend Menschen teilgenommen hatten, begeisterten Applaus erhalten.
Infolge der Gegenrede des SPD-Kandidaten kam es, wie vom Berichterstatter des Blattes „Anzeiger vom Oberland“ ausgeführt wurde, auch zu tumultartigen Szenen, wobei Erzberger schlichtend interveniert habe. Die Mehrheit der versammelten Menschen sei von diesem Wahlkampfauftritt des jungen Zentrumskandidaten für den Reichstag so begeistert gewesen, dass beim Verlassen des Gigelbergs deutlich vernehmbar die enthusiastische „Parole“ zu hören gewesen sei:
„Erzberger ist unser Mann!“
Katholisches Pfarramt St. Martin, ehem. Brandenburg‘sche Kaplanei (Museumsstraße)
Vermutliche Wohnung Erzbergers bei seinen Besuchen im Wahlkreis
Nachdem Matthias Erzberger in den Reichstag gewählt worden war und er bald darauf seinen Wohnsitz in Berlin genommen hatte, soll er – so viel heute bekannt ist – bei Aufenthalten in seinem Wahlkreis gelegentlich, öfters oder gar regelmäßig beim katholischen Pfarrer in der ehemaligen Brandenburg’schen Kaplanei in der Museumsstraße gewohnt bzw. übernachtet haben.
Auch wenn dies nicht hinreichend dokumentarisch belegt ist, darf es doch als wahrscheinlich angenommen werden, weil Erzberger für seine guten Beziehungen zum Klerus und vor allem zur katholischen Kirche bekannt war.
Die Wohnsitzwahl zugunsten der Reichshauptstadt, was für damalige Abgeordnete eher ungewöhnlich war, bringt insbesondere auch zum Ausdruck, wie wichtig es dem Zentrumsabgeordneten aus dem Wahlkreis Biberach – Waldsee – Leutkirch – Wangen war, möglichst viel und durchgehend in Berlin vor Ort präsent zu sein, um die Geschehnisse dort ständig und genau im Auge zu behalten, vielleicht auch, weil er glaubte, sich im Machtzentrum besser für seine oberschwäbische Klientel einsetzen zu können.
Ehemaliger Kronensaal in der Hindenburgstraße (bis 1933 Kronenstraße)
Lokal verschiedener bedeutender Erzberger-Reden in Biberach
Im „Kronensaal“, dem Saal des Hotels „Krone“ in der damaligen Kronenstraße, die 1933 in Hindenburgstraße umbenannt wurde, hielt Erzberger anhand von Presseberichten und Zeitungsanzeigen nachweisbar mehrmals öffentliche Reden.
Den Berichten zufolge waren diese Veranstaltungen stets gut besucht. So beispielsweise am Sonntag, den 23. Oktober 1903, als Matthias Erzberger als neu in den Reichstag gewählter Abgeordneter seinem Wahlvolk erstmals dazu Bericht erstattete sowie bereits wenige Monate darauf am Pfingstmontag 1904, wie auch im „Anzeiger vom Oberland“ am 21. Mai 1903 angekündigt worden war.
Als besonders spektakulär und bedeutungsvoll kann die Kronensaal-Rede im Ersten Weltkrieg vom Sonntag, den 16. September 1917, eingestuft werden, in der Erzberger für seine politische Wende zugunsten eines Verständigungsfriedens vehement geworben und dafür nach darauffolgendem Pressebericht von den Anwesenden überwältigenden Applaus erhalten hat.
Nachdem Auszüge aus dieser Kronensaalrede in der Berliner Zentrums-Zeitung „Germania“ veröffentlicht worden waren, wurde diese Ausgabe von der preußischen Militärzensur beschlagnahmt – angeblich wegen Verrats militärischer Geheimnisse.
Im „Anzeiger vom Oberland“ vom 17. September 1917 findet sich Erzbergers Rede annähernd voll in angeblichem Wortlaut über beinahe zwei Zeitungsseiten wiedergegeben.
Kurhotel Jordanbad bei Biberach
Erholungsort Erzbergers, wo er auch sein Buch „Erlebnisse im Weltkrieg“ schrieb
In dem am südöstlichen Stadtrand von Biberach gelegenen Kurhotel „Jordanbad“ war Matthias Erzberger nach seiner Wahl zum Reichstagsabgeordneten (nachweisbar 1920/21) wiederholt zur Erholung, wohl aber auch, um dort möglichst konzentriert-ungestört arbeiten zu können.
So heißt es im Vorwort seines autobiografischen Buches „Erlebnisse im Weltkrieg“ vor dem ausdrücklichen Vermerk „Jordanbad bei Biberach, Mai 1920“, dass „die hier niedergelegten Erlebnisse manche Aufklärung über Weltfragen“ böten.
Dabei handelt es sich um eine relativ ausführliche Darstellung von Erzbergers vielfältigen politisch-diplomatischen Aktivitäten, wie er sie sah und rechtfertigte, unter anderem seinen auch welthistorisch bedeutenden „Gang nach Compiègne“ zur Unterzeichnung des von ihm ausgehandelten Waffenstillstandsvertrags, womit er persönlich zur Beendigung des Ersten Weltkrieges beigetragen hat.
Auch im Sommer 1921, wenige Wochen vor seiner Ermordung beim Schwarzwaldkurort Griesbach, war Erzberger nochmals mit Ehefrau Paula und jüngster Tochter Gabriele im Jordanbad – wo er, wie in der Biografie von Epstein (Seite 429) zu lesen ist – vorherahnend ausgesprochen haben soll:
„Ich weiß das, ich habe die Gewißheit, daß wir auch hier, im stillen Jordanbad, von Häschern gesucht und verfolgt sind. Mein Leben aber steht in Gottes Hand.“
Gasthof „Grüner Baum“ in der Schulstraße
Eine Art Stammlokal Erzbergers und Ort seiner letzten Biberacher Rede
Der (ehemalige) Traditionsgasthof „Grüner Baum“, ein gut bürgerliches Speiselokal in der Schulstraße, gegenüber dem Schrannengebäude der Volkshochschule, gehört(e) zu den wichtigsten Erinnerungsstätten für Matthias Erzberger in Biberach.
Hier war der langjährige Reichstagsabgeordnete bei seinen Besuchen im Wahlkreis Stammgast, sodass es sogar einen speziellen Stuhl gibt, auf dem er gesessen haben soll und auf dessen Lehne unter anderem eine Aufschrift mit seinem Namen zu lesen ist.
Mit einer kurzen Notiz der Lokalzeitung „Anzeiger vom Oberland“ vom 28. Juli 1921 wird mitgeteilt, dass Erzberger im Saal des Lokals, der sich dort in der ersten Etage befindet, noch am 26. Juli 1921 – also genau einen Monat vor seiner Ermordung bei Griesbach im Schwarzwald – eine Rede vor rund hundert katholischen Geistlichen über kirchenpolitische Fragen gehalten haben soll. Dies dürfte seine letzte öffentliche Rede in Biberach, vielleicht sein letzter öffentlicher Auftritt überhaupt, gewesen sein!
Von Mitgliedern der damaligen Inhaber des Gasthofes, der Familie Schanz, ist berichtet worden, dass in den Tagen vor Erzbergers Ermordung in ihrem Lokal zwei junge Männer in verdächtiger Weise nach dem prominenten Zentrumspolitiker gefragt hätten, bei denen es sich mutmaßlich um seine baldigen Mörder gehandelt haben kann, über die man später erfuhr, dass sie Erzberger von Biberach über Beuron bis nach Griesbach gefolgt waren, vermutlich um den geeignetsten Ort für seine Beseitigung auszukundschaften.
Angehörige der Familie Schanz waren auch deshalb zum Mordprozess nach Offenburg als Zeugen geladen und machten dort eine entsprechende Aussage.
Stadtpfarrkirche St. Martin und MariaStadtpfarrkirche St. Martin und Maria
Hier war Erzberger vor der Beisetzung aufgebahrt
In der simultan, von Katholiken und Protestanten nach der Reformation gemeinsam und gleichberechtigt genutzten Stadtpfarrkirche St. Martin und Maria war Matthias Erzberger nach seinem gewaltsamen Tod zum Trauergottesdienst aufgebahrt. Darüber berichtete ausführlich die Lokalzeitung „Anzeiger vom Oberland“ am 1. September 2021, worin es unter anderem heißt:
„Nachdem gestern bis zum späten Abend Tausende und Abertausende am Sarge Erzbergers, der vor dem Hochaltar der Stadtpfarrkirche aufgebahrt war, vorbei defilierten, herrschte am Beerdigungstage selber von frühmorgens an ein ungemein lebhaftes Treiben in der alten Reichsstadt.
Schon beim Morgengrauen kamen die Trauergäste aus nah und fern zu Wagen und in großen Trupps zu Fuß in Biberach an. Sie begaben sich sofort in die Kirche, um dort ihrem toten Freunde ein letztes Lebewohl zu sagen. Bis zum Beginn des Gottesdienstes um 10 Uhr waren es wieder Tausende und Abertausende, die von Erzberger Abschied nehmen wollten. Hier konnte man in geradezu ergreifender Weise beobachten, wie fest der Verstorbene im ganzen Volke und im Herzen seiner Wähler und Anhänger wurzelte.
Die Leiche Erzbergers ist in dem Chor der Stadtpfarrkirche zwischen Palmen, Lorbeerbäumen und reichem Sargschmuck aufgebahrt. Die nebenstehenden Kandelaber tragen hohe brennende Wachskerzen. Der in schwarzem Tuch ausgeschlagene Mittelaltar mit prächtigem silbernem Kruzifix und den sechs silbernen Leuchtern und weiteren Traueremblemen erinnert recht lebhaft an die Bedeutung des heutigen Tages.
Am Sarge tut die Ehrengarde in schwarzen Schärpen und mit Lanzen den Wachedienst. An den Altären werden den ganzen Morgen über von den in großer Zahl (wohl gegen 200) hier weilenden Geistlichen f. d. Seelenruhe des Verstorbenen Messen gelesen. Das Volk nimmt reichen Anteil an der Trauerfeierlichkeit. Es will dem geliebten und verdienten Verstorbenen in Dankbarkeit die letzte Ehre erweisen und an seinem Sarge für ihn beten.“
Die letzte Ruhestätte von Matthias Erzberger
Ehrengrab auf dem Katholischen Friedhof bei der Ehinger Straße
Erzbergers letzte Ruhestätte befindet sich auf dem alten katholischen Friedhof Biberachs bei der Ehinger Straße. Auf Wunsch der katholischen Kirchengemeinde erhielt er dort ein Ehrengrab.
Die hier aufgestellte Skulptur des Bildhauers Friedrich Thuma zeigt die um ihren toten Sohn Jesus trauernde Gottesmutter Maria mit einem seiner Jünger. Außer Inschriften zu Erzbergers politischen Hauptfunktionen – Mitglied des Reichstages und der Verfassungsgebenden Versammlung sowie Reichsfinanzminister – ist auf dem Grabstein ein Vers aus dem Johannes-Evangelium zu lesen:
„Größere Liebe hat niemand als die,
dass er sein Leben hingibt für seine Freunde.“
Das eingravierte lateinische Wort PAX (für Friede) erinnert daran, dass sich Erzberger dafür nach seiner politischen Wende vom Kriegsbefürworter zum Verständigungspolitiker besonders eingesetzt, mit seiner Unterschrift unter den Waffenstillstandsvertrag persönlich zum Ende des Ersten Weltkrieges beigetragen und letztlich dafür mit seinem Leben bezahlt hat.
Zu Erzbergers Beisetzung am 31. August 1921 sollen nach zeitgenössischen Schätzungen etwa 30.000 Menschen gekommen sein. Unter ihnen waren auch zahlreiche prominente Trauergäste, wie Reichskanzler Wirth, Reichstagspräsident Löbe und Weihbischof Sproll, die auch Nachrufe auf den fünf Tage zuvor Ermordeten in Biberach vorgetragen haben.