Fortuneé Niederer
Fortuneé Niederer geb. d´Albepierre (1801-1876) war eine Schulreformerin aus der Schweiz, die sich aktiv für die Frauenbildung einsetzte und Schulleiterin der ersten „Höheren Töchter Schule“ in Biberach war. Sie wurde in eine Zeit hineingeboren, in welcher Bildung nicht für jeden zugänglich war. Besonders Frauen waren sehr lange Zeit vom Zugang zur höheren Bildung und zum Hochschulstudium an den Universitäten ausgeschlossen.
Erst Anfang des 19. Jahrhunderts in der Schweiz und Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland, mit dem Aufkommen der höheren Töchterschulen, Töchterinstituten, Pensionaten etc. konnte eine Veränderung im Bereich der Frauenbildung in Europa beobachtet werden.
Johann Heinrich Pestalozzi gründete 1813 in Yverdon ein Töchterinstitut, welches seit 1814 von Rosette Niederer-Kasthofer und später auch von ihrem Ehemann Johannes Niederer geleitet wurde.[1] Rosette Niederer-Kasthofer gilt als Pionierin in der Mädchenbildung. Anders als andere Pädagogen verfolgte sie nicht das Ziel die Mädchen für das spätere Leben als Ehefrau und Mutter vorzubereiten, sondern beabsichtigte mit ihrer idealen Mädchenbildung, eine mündige und später berufstätige Frau zu fördern.[2]
Eine der 15 Schülerinnen, welche am Töchterinstitut in Yverdon aufgenommen wurde, war Fortuneé Niederer geb. d´Albepierre.[3]
Nach dem Tod ihres Vaters 1814 übernahmen Rosette Niederer-Kasthofer und Johannes Niederer die Vormundschaft über Fortuneé.[4]
Später heiratete Fortuneé den Neffen ihres Pflegevaters. Der aufklärerische Einfluss und die bildungspolitischen Ansichten zur Mädchenbildung von Rosette Niederer-Kasthofer prägten Fortuneé in ihrem privaten und beruflichen Lebensweg nachhaltig. Nach ihrer Ausbildung zur Lehrerin in Yverdon unterstützte sie ihre Pflegeeltern bei der Führung des Mädcheninstituts, leitete das Töchterinstitut in Lugano und baute später in Zürich und St. Gallen eine gutgehende Töchterschule auf.[5].
Am 20. Oktober 1860 kam Fortuneé nach Biberach, um das neu gegründete private Institut für höhere Töchter zu leiten. Die höhere Töchterschule, auch später Nieder´isches Institut genannt, wurde auf Initiative einiger Biberacher Väter, die dem neuen Wirtschaftsbürgertum angehörten, gegründet, um ihren Töchtern eine höhere Bildung zu ermöglichen.[6]
Die neuen pädagogischen Ansichten hinsichtlich der Mädchenbildung, welche Fortuneé vertrat, spiegelten sich eindeutig im Stundenplan wider. Der Stundenplan umfasste nicht nur Fächer wie Französisch oder Hauswirtschaft, die für die Mädchenbildung im 19. Jahrhundert typisch waren, sondern auch geisteswissenschaftliche wie Geschichte.[7]
In der Zeit als Fortuneé das Institut leitete, kam es immer wieder zu Konflikten mit der Stadt und den angestellten Lehrern.[8]
Die Stadt selbst nahm von Anfang an eine eher ablehnende Haltung gegenüber der Person Fortuneé und der „Höheren Töchterschule“ ein, obwohl das Institut einen sehr guten Ruf bei der Prüfungskommission und den Eltern hatte. Sie wurde öffentlich bezüglich ihres Lebenswandels von einer nichtbekannten Person angeprangert und drohte daraufhin mit dem Rücktritt. Eine Eskalation des Konfliktes konnte nur vermieden werden, da die Eltern der Schülerinnen eine Ehrenerklärung abgaben.[9]
Auf Grund der organisatorischen Entwicklung der Schuleinrichtung, die Schule wurde unter städtische Aufsicht gestellt und der Zuspitzung der bestehenden Konflikte mit der städtischen Administration, reichte Fortuneé ihre Kündigung 1871 ein und zog nach Zürich.[10]
Auch nach ihrem Weggang von Biberach setzte sich Fortuneé, trotz ihres hohen Alters, aktiv für die Mädchenbildung ein. In Zürich baute Fortuneé zusammen mit anderen Lehrerinnen ein Mädchenpensionat auf und lebte dort bis zu ihrem Tod 1876.
[1] Vgl. Dejung, Emanuel (Hrsg.), Johann Heinrich Pestalozzi. Sämtliche Briefe. Band 9 Briefe aus den Jahren 1813 bis 1815 (Nr. 3491-4146), Zürich, 1968, S. 423.
[2] Vgl. Leimgruber, Yvonne, In pädagogischer Mission: die Pädagogin Rosette Niederer-Kasthofer (1779-1857) und ihr Wirken für ein „frauengerechtes“ Leben in Familie und Gesellschaft, Bad Heilbrunn, 2006, S. 10-15.
[3] Vgl. Dejung, Emanuel (Hrsg.), Johann Heinrich Pestalozzi. Sämtliche Briefe. Band 10 Briefe aus den Jahren 1816 bis 1817 (Nr. 4147-4866), Zürich, 1968, S. 526.
[4] Vgl. ebd.
[5] Vgl. ebd.
[6] Vgl. De la Roi-Frey, Karin, Biberacher Männer und die höhere Mädchenbildung, in: Heimatkundliche Blätter H 3 1996, S. 86-90, hier: S. 86f.
[7] Vgl. Stundenplan der Höheren Töchterschule 1864, Stadtarchiv Biberach E Bü 1637.
[8] Vgl. Schreiben Lehrer Spiegler vom 2.10.1869 an den Elternausschuss, Stadtarchiv Biberach E Bü 1637.
[9] Vgl. Ehrenerklärung der Eltern, Stadtarchiv Biberach E Bü 1637.
[10] Vgl. Kündigungsschreiben Fortuneé Niederer vom 16.04.1871, Stadtarchiv Biberach E Bü 1637.