Stadtarchivarin Ursula Maerker geht in den Ruhestand
Fast 30 Jahre lang hat sie das Biberacher Stadtarchiv geleitet. Jetzt geht Ursula Maerker in den Ruhestand. Zum Abschied erinnert sie sich an die Anfänge, gibt Einblicke ins Archiv und betont auch, dass Archivarbeit längst nicht nur ein Auseinandersetzen mit der Vergangenheit bedeutet. „Unsere tägliche Arbeit ist sehr viel mehr in die Zukunft gerichtet, als viele denken.“
Geschichte hat Ursula Maerker schon immer interessiert. Nachdem ein Interessenstest bei der „Bildungsberatungsstelle“ in der zehnten Klasse dieses Gebiet auch als mögliche Richtung für ihre berufliche Laufbahn ergeben hatte, ging sie nach dem Abitur am Pestalozzi-Gymnasium an die Fachhochschule für Archivwesen in Marburg. Maerker profitierte davon, zu Schulzeiten freiwillig Latein gelernt zu haben – neben Englisch und Französisch die dritte Fremdsprache, die vor 46 Jahren Voraussetzung für die dreijährige Ausbildung war. Den praktischen Teil absolvierte sie am Hauptstaatsarchiv in Stuttgart. Die ersten fünf Berufsjahre verbrachte Maerker im Ulmer Stadtarchiv. Eine Zeit, in der viele Archive erst aufgebaut wurden. „Wir konnten uns Anfang der 1980er-Jahre die Stellen praktisch aussuchen“, erinnert sich Maerker, die später eine Familie gründete und mit dieser Anfang der 1990er-Jahre wieder nach Biberach zurückkehrte.
1993 begann sie, stundenweise für Kreis- und Stadtarchiv zu arbeiten. Das Stadtarchiv wurde damals noch von Kreisarchivar Dr. Kurt Diemer mitbetreut, die Stadt hatte keine eigene Archivstelle. Diese wurde dann zu Beginn des Jahres 1996 geschaffen – eine Position, die Ursula Maerker fast drei Jahrzehnte lang einnahm. Die meiste Zeit hatte sie ihren Dienstsitz in der Volkshochschule. Dort war Ende der 1970er-Jahre begonnen worden, im Untergeschoss ein Archivmagazin einzurichten. Die drei Archive von Stadt, Hospital und Gemeinschaftlicher Kirchenpflege wurden an einem Standort zusammengefasst.
Ursula Maerker saß in der vhs in einem kleinen Büro unterm Dach. „Dort war alles sehr beengt.“ Unterstützt wurde sie von Beginn an von Ehrenamtlichen. Eine zusätzliche halbe Stelle wurde 2009 geschaffen. Heute gibt es drei Vollzeitstellen – und längst auch deutlich bessere Rahmenbedingungen. 2016 bezog das Stadtarchiv gemeinsam mit der Wieland-Stiftung und dem Wieland-Archiv das „Haus der Archive“, den sanierten „Roten Bau“ in der Waldseerstraße. „Der Umzug war dringend notwendig, auch der Magazinraum wurde in der vhs irgendwann zu voll“, blickt Maerker zurück. Ein Teil des Archivs lagert noch heute in der vhs. Insgesamt besitzt das Stadtarchiv drei laufende Kilometer an Archivalien.
Die ältesten Urkunden stammen aus dem 13. Jahrhundert. Wöchentlich kommen neue dazu. Allen voran Akten der Stadtverwaltung, die aus den Ämtern irgendwann ans Archiv übergeben werden. Viele müssen aus rechtlichen Gründen aufbewahrt werden. Darunter Personenstandsregister und Ratsprotokolle. In vielen anderen Fällen obliegt es den Archiv-Mitarbeitern, unter zeitgeschichtlichen Aspekten zu entscheiden, was für künftige Generationen erhalten bleiben soll. „Wir versuchen, ein möglichst umfassendes Bild unserer Stadt und der Stadtgesellschaft zu überliefern“, erklärt Maerker. „Aber wir können nicht alles aufbewahren.“ Ein- bis zweimal pro Woche meldeten sich Privatpersonen, die dem Archiv etwas überlassen möchten. „Hier haben wir schon viele interessante Dinge bekommen, aber nicht alles ist archivwürdig.“
Einen wichtigen Teil des Archivs machen Inhalte von Vereinen, Firmen und Organisationen aus. Zudem werden Tageszeitungen gesammelt, Internetseiten durchforstet und Inhalte aus den Sozialen Medien archiviert. Neue Felder der Archivarbeit, die aber von Relevanz sind, um späteren Generationen ein möglichst umfassendes Bild der heutigen Zeit zu überliefern. In der Stadtverwaltung wird bereits seit den 1980er-Jahren digital gearbeitet. Die seither entstandenen digitalen Daten müssen ebenfalls für nachkommende Generationen aufbewahrt werden. Aber auch im Stadtarchiv selbst wird mittlerweile vieles digitalisiert. Gespeichert und gesichert sind die insgesamt 2,4 Terabyte Daten auf Servern an drei Standorten in Baden-Württemberg. Darunter sämtliche Ratsprotokolle von 1555 bis 1954. „Die digitale Aufbereitung erleichtert uns die Arbeit und schont die Originale“, erklärt Maerker. Die Maxime sei: „Was auf Papier entstanden ist, wird auf Papier übernommen, was digital entstanden ist, wird digital übernommen. Forscher möchten mit dem Authentikum arbeiten, nicht mit veränderten Unterlagen.“
Zum Abschied ist es Ursula Maerker wichtig zu betonen, dass die Arbeit im Archiv nichts Engstirniges, sondern etwas sehr Vielfältiges sei. Eine Aufgabe zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ziel sei es, dass in der heutigen Zeit Entstehendes auch noch von unseren Nachfahren in 700 Jahren gelesen werden kann. „Diese Bandbreite deckt sonst niemand ab.“ Gänzlich von der Archivarbeit verabschieden wird sich Ursula Maerker nicht gleich. „Ich möchte im nächsten Jahr noch das Archiv der Schützendirektion in Ordnung bringen, das ist mir einfach ein Anliegen.“ Auch bei der Heimatstunde des Schützenfests wird sie 2026 nochmals auf der Bühne stehen. Seit 2016 erläutert die Archivarin den geschichtlichen Kontext des szenischen Spiels. Es sei spannend, sich anlässlich der Heimatstunde mit unterschiedlichen Epochen zu befassen, so die scheidende Archivarin – in diesem Jahr ging es um das Biberach des 15. Jahrhunderts. „Dabei lerne auch ich immer wieder etwas Neues über meine Heimatstadt.“