Neue Adresse für das Rathaus: Matthias-Erzberger-Platz im Herzen der Stadt

In Biberach gibt es seit dem 1. Oktober eine neue Adresse: den Matthias-Erzberger- Platz direkt vor dem Rathaus. Dieses bekommt zugleich eine neue Anschrift: Aus Marktplatz 7/1 wird Matthias-Erzberger-Platz 1. Mit der Umbenennung ist ein zentraler Gedenkort für Matthias Erzberger im Herzen Biberachs geschaffen worden. Jenem Ort, an dem der Politiker nach seiner Ermordung durch Rechtsextremisten im Jahr 1921 seine letzte Ruhe gefunden hat.
Bild vergrößern: Biberach hat seit 1. Oktober einen Matthias-Erzberger-Platz. OB Zeidler: „Mit der Umbenennung des Rathausvorplatzes möchten wir Matthias Erzberger für sein Lebenswerk danken.“
Biberach hat seit 1. Oktober einen Matthias-Erzberger-Platz. OB Zeidler: „Mit der Umbenennung des Rathausvorplatzes möchten wir Matthias Erzberger für sein Lebenswerk danken.“

Matthias Erzberger wird in Biberach bereits an zwei Orten gedacht: der Matthias- Erzberger-Schule und der gleichnamigen Straße in Bachlangen. Ein prominenter Gedenkort im Zentrum der Stadt hatte noch gefehlt. Bestrebungen hierzu, allen voran von der Erzberger-Initiative unter der Leitung von Alfons Siegel, gab es bereits seit Längerem.

Seit dem 1. Oktober hängt das neue Straßenschild am Rathausgebäude. Vorausgegangen war dem ein einstimmiger Beschluss des Gemeinderats im April dieses Jahres. Eine Gedenktafel informiert jetzt zudem über den politischen Werdegang Erzbergers. Oberbürgermeister Norbert Zeidler enthüllte die Tafel bei einer kleinen Feierstunde im Rathaus: „Mit der Umbenennung des Rathausvorplatzes möchten wir Matthias Erzberger für sein Lebenswerk danken.“ Er sei ein Wegbereiter für die Demokratie in Deutschland gewesen. „Das Erinnern an sein Handeln ist vor allem heutzutage wichtig, in Zeiten, in denen sich die freiheitliche Demokratie unterschiedlichsten Herausforderungen stellen muss.“

Zeidler würdigte Erzberger als „Helden“ der Demokratie und demokratische Identifikationsfigur. „Er war kein Opportunist, der sein Fähnchen in den Wind gehängt hat.“ Der Zentrumspolitiker sei nicht nur lern- und entwicklungsfähig gewesen, sondern habe auch Verantwortung für unpopuläre Entscheidungen und Themen übernommen. Genau dies habe ihm am Ende das Leben gekostet.

Der OB betonte, dass die Präsenz Erzbergers im Zentrum Biberachs auch ein Auftrag sei, dessen Erbe in die heutige Zeit zu übersetzen und aufrechte Demokraten zu sein. „Mit dem Mut, lernfähig zu sein und Fehler einzugestehen, mit dem Mut, auch unbequeme Entscheidungen zu treffen und miteinander auszuhalten, mit klarer menschlicher Haltung, die allem demokratischen Tun vorausgehen muss.“

Für die Erzberger-Initiative gehe nicht nur ein wichtiges Anliegen in Erfüllung, sagte Alfons Siegel. Der Gemeinderatsbeschluss dokumentiere auch, dass die Rechtsradikalen Erzberger zwar ermordet hätten, nicht aber die Erinnerung an ihn oder gar seinen Geist hätten auslöschen können. Siegel dankte sowohl Gemeinderat als auch OB. Mit der Benennung des Platzes vor dem Rathaus nach Matthias Erzberger würden sie helfen, dass seiner nun deutlich sichtbarer gedacht werde.

Politiker und Autor

Matthias Erzberger vertrat den hiesigen Wahlkreis von 1903 bis zu seinem Tod im Jahr 1921 als Reichstagsabgeordneter in Berlin. Schon in den ersten Jahren seiner parlamentarischen Tätigkeit gehörte er zu jenen mutigen Volksvertretern, die Missstände des deutschen Kolonialismus anprangerten und entsprechende Reformen bewirkten. Mit Stetigkeit hatte er darauf gedrängt, die Mitspracherechte des Parlaments zu erweitern und zu stärken. Ab 1917 hat er als Mitglied des sogenannten Interfraktionellen Ausschusses die Parlamentarisierung des politischen Systems vorangetrieben. Als Leiter der deutschen Waffenstillstandsdelegation in Compiègne trug Erzberger maßgeblich zur Beendigung des Ersten Weltkriegs bei. Er verhinderte durch mehrmalige Verlängerungen der Waffenruhe und seinen Einsatz für die Annahme des Versailler Friedensvertrags als „kleinerem Übel“ eine Wiederaufnahme der Kampfhandlungen sowie die damit drohende Zerstörung Deutschlands.

Erzberger war nicht nur als Politiker bedeutend, sondern auch als Autor zahlreicher Publikationen. Mit seinem 1918 veröffentlichten Buch zum Völkerbund, mit dem er dazu beitragen wollte, Kriege zu überwinden und Frieden dauerhaft zu machen, kann Matthias Erzberger als ein Vordenker für die Vereinten Nationen angesehen werden. Zu seinen Publikationen zählen auch humorvolle sowie heimatgeschichtlich geschätzte Werke.

Das Rathaus trägt seit dem 1. Oktober die neue Adresse Matthias-Erzberger-Platz 1. Alle anderen städtischen Einrichtungen sind von dieser Adressänderung nicht betroffen.